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Inspiration aus der Vergangenheit

Am Wochenende fand im Johannbau des ehemaligen Schlosses in Dessau eine Lesung aus Tagebuchaufzeichnungen Heinrich von Endes statt. Ich überlegte nicht lang über meine Teilnahme,  da der Name „von Ende“ mir wohl bekannt war. Wie oft hatte doch meine Großmutter vom Baron von Ende und ihrer Zeit im Schloss zu Altjeßnitz erzählt… Und wie oft habe ich als Kind im Irrgarten zu Altjeßnitz gespielt, nach Schätzen gesucht…?
Die Lesung aus den handgeschriebenen Tagebüchern Heinrich von Endes war sehr interessant und amüsant. Heinrich von Ende wurde 1871 im Altjeßnitzer Schloss geboren und besuchte das Gymnasium in Dessau. Er wurde preußischer Offizier in Potsdam und Hofmarschall beim preußischen Prinzen August Wilhelm. 1918 ließ er sich in Dessau nieder, in der Leopoldstraße (heute Ferdinand-von-Schill-Straße).  Zeit seines Lebens (bis zu seinem Tode 1942) hielt er seine Erlebnisse über und mit der damaligen Dessauer Gesellschaft und seine Verbindung mit dem anhaltischen Herzogshaus in Tagebüchern fest. Er verfasste aber auch genealogischen Bücher, darunter eine vielbändige Autobiografie, die bis 1938 heranreicht.*1

Diese Lesung nun weckte Kindheitserinnerungen in mir und inspirierte mich zu diesem Blogeintrag.  Unzählige Male bin ich mit meinem Schulfreund mit dem Fahrrad von Wolfen nach Altjeßnitz gefahren. Damals, gegen 1986 ungefähr, war der barocke Irrgarten noch ziemlich „naturbelassen“, wenn nicht ein wenig wild. Hier und da fand man alte, umgestürzte Grabsteine, auf denen von Moos umwucherte Inschriften „…von Ende“ eingraviert waren. Für einen Entdecker wie mich war das ein Erlebnis!
Altjeßnitz liegt ungefähr 20 km südlich von Dessau-Roßlau in der Auenlandschaft am östlichen Ufer der Mulde. Im Jahr 1694 erwarb Hans Adam Freiherr von Ende das ehemalige Rittergut aus dem Besitz der Herren von Reppichau und baute es als Hauptsitz der Familie Ende zu einem vornehmen Landsitz im Stil des Spätbarock aus. Über der Toreinfahrt zum Schloss befand sich der Glockenturm, der auch heute noch die Zeichen der Zeit überdauert hat.*2 Das Gut überstand die Weltkriege, brannte jedoch im Januar 1946 teils ab. Heute ist lediglich ein Teil der Stallungen und der alten Glockenturm über der Einfahrt erhalten geblieben. Das Schloß war bis zum Ende des 2. Weltkrieges im Familienbesitz der Freiherren von Ende. Der letzte Besitzer war Hans Adam Freiherr von Ende (geb. 1870, gest. 1952). Er lebte hier mit der Familie seiner Tochter Gisela von der Schulenburg, geb. Freiherrin von Ende. Beide Familien wurden infolge der Nachkriegsereignisse im Jahre 1945 gezwungen, Altjeßnitz zu verlassen. Der Landbesitz wurde enteignet.*3
Meine Großmutter Ida Auguste Tangelst, geboren in Jagatschütz/Kreis Trebnitz (Schlesien), war in der Zeit Mai 1926 bis Oktober 1930 im Rittergut als Arbeiterin angestellt. Sie lebte damals mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern in der Hauptstraße 40, direkt gegenüber vom Schloss, angrenzend an den Gutspark. Aus Erzählungen weiß ich, dass sie zunächst als Hilfe des Gärtners angestellt war. Aus dieser Zeit ist ein Foto erhalten geblieben. Es zeigt meine Großmutter (zweite von links) und weitere Angestellte (darunter eventuell den Stall- und Kutschenmeister ganz links). Das Foto stammt ungefähr aus der Zeit um 1926.

Schloss Altjessnitz

Da den Angestellten der Zutritt zu den Gärten verboten war, kletterten meine Großmutter und andere Arbeiter wenn es dunkel war heimlich über die Zäune und erkundeten so die geheimnisvolle Gartenanlage. Später arbeitete Großmutter im Schloss als Hausmädchen. Im Innern des Hauses gab es wohl sehr lange Treppengeländer, denn diese rutschte sie mit Vergnügen hinunter.
Direkt in der Parkanlage steht die kleine Feldsteinkirche. Sie stammt aus dem 12. Jahrhundert und soll früher einmal Teil eines Franziskanerklosters gewesen sein.*4
Um diese kleine Kirche schlich ich als Kind oft herum, suchte vergebens nach geheimen Eingängen, sah durch das alte Schlüsselloch, um einen Blick ins Innere zu erhaschen. Rings um die Kirche lagen sehr alte umgestürzte Grabsteine, manche lehnten an der Kirchenmauer, moosumwuchert. Dort und auch im weiteren Umfeld des Parks (direkt am kleinen Rinnsal, das wie eine kleine Grenze den Irrgarten umschlang) fanden mein Schulfreund und ich noch weitere Steine, Findlinge und Grabsteine mit teils nicht mehr lesbaren Inschriften.
Wie schon erwähnt, war der barocke Irrgarten von Altjeßnitz Teil des Gutsparkes. Der Irrgarten selbst wurde Mitte des 18. Jahrhunderts im Auftrag von Leopold Nicolas Freiherr von Ende angelegt. Dieser Garten ist der größte und älteste noch erhaltene historische Irrgarten Deutschlands. Das Besondere daran sind die etwa zwei Meter hohen Hainbuchenhecken, durch die man seinen Weg zur Mitte und somit zum Aussichtspunkt finden muss.*5
Meine Faszination für alte, zerfallene Häuser zeigte sich schon mit ungefähr 10 Jahren. Wir fuhren oft sonntags im Frühjahr und Sommer in den Irrgarten. Während die Erwachsenen über dies und das plauderten, schlich ich mich eines Tages weg in das alte leer stehende Haus, in dem meine Großmutter damals lebte. Die braune Dunkelheit des sehr kleinen Hauses ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung. Es roch muffig. Ich erinnere mich an folgende Anordnung: betrat man die Haustür, gingen links und rechts davon  Zimmer ab. Dort standen noch vereinzelt Möbelteile. Direkt vor mir führte eine Treppe hinauf in das erste Obergeschoß. Zunächst ging ich rechts neben der Treppe vorbei zum Hinterausgang. Wenn ich mich recht erinnere, gab es dort auch noch einmal einen Raum (Küche?) und eine Treppe hinab in den Keller. Trat man aus dem Hintereingang heraus, befand man sich in einem kleinen Garten. Alles war natürlich verwildert. Ein wenig ekelte mich der Dreck und Staub dann doch. Ich ging noch vorsichtig die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern. Doch diese Treppe war bereits so baufällig, dass man wirklich froh sein konnte, wenn sie nicht einstürzte. Ich wurde leider auf meiner Entdeckungstour gestört, da man bemerkt hatte, dass ich verschwunden war. Leider existiert das Haus heute nicht mehr. Man riss es nieder und baute ein neues Grundstück darauf.

Im Anschluss seht ihr alte Fotografien des Schlosses:

*1 http://www.dessau.de/Deutsch/News/?NewsID=2514

*2 http://de.wikipedia.org/wiki/Altje%C3%9Fnitz

*3 http://www.altjessnitz.de/?id=111009000012

*4 http://www.altjessnitz.de/?id=111009000013

*5 http://www.altjessnitz.de/index.php?id=111009000003

 **Photographs: Museum Digital on:  http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Altje%C3%9Fnitzhttp://www.museum-digital.de/san/index.php?sv=altje%C3%9Fnitz&done=yes

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